Nach etwa 700 Jahren kommt
der Bach im Allgäuer Blöcktach wieder ins Tal. Ein Mosaik
© Ernst T. Mader
Ortsnamen in Blöcktachs
Umgebung laden zur Deutung ein: Eggenthal im Norden, da fällt das Eck im Tal
spätestens dann auf, wenn man die Kurve am Dorfrand zu lässig nimmt;
Friesenried im Süden: Hier rodeten Friesen, möchte man glauben, auch wenn die
Heimatkunde einen Friedrich annimmt. Aber dazwischen: Blöcktach. Liebliches
lässt sich dem Namen nicht abgewinnen; auch sein bloßes Hauchen kommt um die
harte Mitte und den kehligen Schluss nicht herum. Das Alemannische bleibt
hörbar, und tatsächlich kennen die
sprachlich nahen Schweizer noch heute die „Blackten“, eine Ampferart, die sie
in manchen Regionen bis vor knapp 100 Jahren zu Sauerkraut vergoren und noch
nach dem zweiten Weltkrieg als Schweinefutter nutzten.
Am heute durch Blöcktach
fließenden Mühlbach müssen diese Blackten vor Jahrhunderten so gewuchert haben,
dass sie sich als Namensgeber für die älteste bisher bekannte Siedlung im
Allgäu aufdrängten: die Behausungen am Blacktenbach, was sich allmählich und
auf Umwegen zu Blöcktach verkürzte. Ihre Verwandten nervten später als
sogenannte Krottenstengel viele Bauern, weil sie auf den Wiesen das Gras
verdrängten, den Kühen aber nicht schmeckten.
Der Bach bedeutete Energie;
um sie zu nutzen, ließen ihn vermutlich die Ritter von Schwarzenburg als
Grundherren im Mittelalter aus dem Tal so an den nahen Hang verlegen, dass sein
Gefälle ausreichte, eine Mühle zu betreiben und später mehrere. Sie pressten
aus Leinsamen Öl, mahlten Gips und Getreide oder schnitten Holz; die erste
Mühle klapperte wohl schon im 14. Jahrhundert, als letzte stellte 2010 das
Sägewerk seinen Betrieb ein, das bis 1976 noch Strom für den Eigenbedarf
erzeugt hatte – mit jenem Mühlbach, der nach etwa 700 Jahren und heftigem
Streit ab 2013 wieder im Tal fließen wird und – anders als im Mittelalter - am
Dorf vorbei, weil er so leichter und billiger zu pflegen ist als oben am Hang
und im Verbund mit einem Damm auch nach starkem Regen keine Keller und
Wohnzimmer mehr fluten oder andere Schäden anrichten kann. Ein Lauf nach der
Natur, also durch die tiefsten Stellen im Ort, hätte nicht wenigen besser
gefallen. Kosten und Zeitdruck verhinderten ihn. Ökonomisch wird den Bach
niemand vermissen, aber fehlen wird er manchen. Er plätschert dann vor keinem
einzigen Haus mehr, fließt unbeachtet und zum Teil verrohrt, aber eben auch handsam
dahin. Nicht nur Kindern bleibt das „Paradies“ an einem seiner Zuflüsschen.
Dass man ungefähr dem Mühlbach folgen muss, um dorthin zu kommen, wissen auch
manche Auswärtige.
Die Idylle gibt nicht preis,
welche Zeiten er durchflossen hat. Die grausamste war der Dreißigjährige Krieg;
Pest und Schweden löschten das Dorf nahezu aus; es erholte sich, bis Napoleons
Soldaten kamen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte Blöcktach dann beständig
knapp über 300 Einwohner – was darüber hinausging, rafften regelmäßig Kriege
hinweg oder zog mangels Arbeitsplätzen in die Stadt; um 1945 trieben
Kriegsfolgen die Einwohnerzahl in die Höhe, das Dorf musste Evakuierte
aufnehmen, und es kamen immer mehr zunächst Fremde: 1950 lebten in Blöcktach
458 Personen, 40 Prozent davon Flüchtlinge und Vertriebene, bald danach waren
es wieder deutlich weniger. Anfang der 1970er Jahre sorgte dann ein findiger und
verschlagener Makler für eine Osterweiterung und 100 weitere Bewohner. Im
Moment (Mitte 2012) sind es 445, und abweichend von der deutschen und weltweiten
Normalität ist mehr als die Hälfte männlich, was unter anderem gut ist für die
Feuerwehr und den oberen Wirt („Sonne“), den viele noch so nennen, obwohl es
den unteren schon lange nicht mehr gibt. An seinem Stammtisch sind auch
seltenere Gäste willkommen, und wenn sie Glück haben, können sie eine
Geschichte hören wie jene von Helli, der 1994 ebendort wegen einer Wette vor
laufender Kamera in 15 Minuten 62 Brätknödel verschlang und dann als Gewinner aufrecht
heimging. Oder von Siegfried, dem letzten Müller im Ort, der 2001 den
wochenlangen „Schlaumeier“-Wettbewerb der „Allgäuer Zeitung“ als Bester
beendete.
Die „Sonne“ führt eine respektable
Tradition weiter: Seit mindestens 400 Jahren steht dort ein Haus, 1827 baute
ein Vorgänger neu, der dann bald eine Schanklizenz bekam. Ihm kaufte der
Urgroßvater des heutigen Wirts das Anwesen ab, zu dem lange Zeit auch eine
Metzgerei und eine Landwirtschaft gehörten. 2005 brannte die Wirtschaft ab, anderthalb
Jahre später konnte sie wieder eröffnen.
Die Mutter des Wirts
erinnert sich noch an die vielen verschwundenen Gewerbler im kleinen Dorf, 18
waren es 1950, darunter vier Lebensmittelgeschäfte; sie haben nicht überlebt,
nicht die Schneiderin, nicht der Schuster, nicht der Bäcker. Dafür vernetzen
jetzt Leute Computer, reparieren Autos oder betreiben Spielautomaten – 27
Gewerbe sind angemeldet.
Nach den alten Kleinbetrieben
verschwanden zunehmend auch die Bauern: 43 gab es 1950, bei insgesamt 60
Anwesen, manche mit einem weiteren Gewerbe wie Metzgern oder Holzhandel; heute
sind es noch zwölf, es gehen mehr Blöcktacher ins Büro als zum Melken.
Geblieben sind neben Motorradclub und Kirchenchor der Schützenverein und die
Blasmusik, die in der „Alten Schule“ schießen und proben können, weil seit 1985
alle Schüler nach Friesenried oder sonstwohin müssen.
Der frühere Blacktenbach wird
auch am Friedhof nicht mehr vorbeifließen; er ist der auffälligste Teil des örtlichen
Gedächtnisses. Hier liegen zwischen Bauern und Arbeiterinnen, aus dem
Böhmerwald Vertriebenen und im Dorf Geborenen eine im Dritten Reich Zwangssterilisierte,
die Asche einer in der Gaskammer Ermordeten und eine 1906 am Ortsrand Umgebrachte.
Die Bestialität dieser Tat erschütterte im Unterschied zum Tod der 1941
„Euthanasierten“ die ganze Region, zumal das Opfer die Mutter des Blöcktacher
Pfarrers war und der Täter lange Zeit nicht gefasst wurde. Nur weil er sich in
Panik nach zwei Monaten selbst verriet, konnte die Polizei den Friesenrieder
verhaften.
Auch die verstörendste
Geschichte vom Leben und Sterben in Blöcktach endete auf diesem Friedhof:
Ein aus dem damaligen
Königreich Württemberg zugezogenes evangelisches Paar, das auf der sogenannten
Haid oberhalb von Blöcktach Schafe hielt und züchtete, bekam zwischen 1893 und
1906 zehn Kinder; fünf wurden höchstens sieben Tage alt, vier nicht älter als
zehn Wochen – das zehnte ließen die Eltern in ihrer Verzweiflung katholisch taufen;
das Mädchen blieb – Rhesusfaktor hin, Psychologie her – am Leben, heiratete mit
17, bekam gesunde Kinder und Enkel und starb mit knapp 84 Jahren.
PS: Vor einigen Jahren gab
es im Dorf kurze Zeit das Gerücht, neben der Kirche wolle jemand eine Espressobar
eröffnen. Die Bar gibt es bis heute nicht. Aber immerhin heißen die Blackten im
Rätoromanischen Lavazza.
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